Auszug Gebäude, Orte und Ereignisse in Arheilgen
- „Oarhelljer Köpp“ Die Familie Wurzel und die Kolpingsfamilie Arheilgen – Teil 2von Jürgen Hein-Benz
(jhb) Der Arheilger Geschichtsverein stellt in dieser Rubrik Menschen vor, die das Leben im Ort am Ruthsenbach prägten, den Alltag in besonderer Weise repräsentierten oder Leistungen erbrachten, die sie über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. Anlässlich des 75jährigen Gründungsjubiläum der Arheilger Kolpingsfamilie stellen wir in dieser Folge die Familie Wurzel vor, die maßgeblich die Geschichte der Kolpingsfamilie geprägt hat. Sie erscheint in zwei Teilen. (Heute: Teil 2/2.)
Wie aus dem Jungmännerverein eine generationenübergreifende Familie wurde
Franz Wurzel hatte bereits vor dem Kriegsdienst das Schreiner-Handwerk bei Meister Mederle in der Schreinerei Wagenknecht erlernt. Nach der Lehre immatrikulierte er sich an der Ingenieurschule Darmstadt. Die Einberufung zur Wehrmacht machte diesen Plan zunichte. Nach seiner Entlassung aus der französischen Kriegsgefangenschaft beendete Paul Wurzel 1949 seine Schlosserlehre bei der Bauschlosserei Ferdinand Büdinger in der Alicestraße in Darmstadt. Er hatte sie schon vor seiner Einberufung zur Wehrmacht begonnen. In seinem gelernten Beruf arbeitete er beim „Büdinger“ bis ihm 1951aufgrund mangelnder Auftragslage gekündigt wurde. Eine neue Anstellung fand Paul bei „Merck“, wo er bis zu seinem Renteneintritt im Jahre 1988 schaffte.
Auch Franz Wurzel arbeitete kurze Zeit bei „Merck“ und wurde nach weiteren Stationen in der beruflichen Laufbahn schließlich Mitarbeiter bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Dort eignete er sich das nötige Hintergrundwissen an, um später für viele Jahre ehrenamtlich als „Versicherungsältester“ zahlreichen Arheilgerinnen und Arheilgern hilfreich in Rentenangelegenheiten zur Seite stehen zu können.
Franz Wurzel heiratete 1954 seine Frau Rita, eine geborene Rebel aus Ober-Roden. Sie bekamen vier Kinder. Seine Familie lebte in der Emil-Volz-Straße.
Paul Wurzel gründete mit seiner Ehefrau Martha – eine geborene Trillig – eine Familie, die in der Albrechtstraße lebte. Martha brachte drei Söhne auf die Welt: Der älteste, geboren am 15. Februar 1955, wurde wie sein Onkel auf den Namen Franz getauft und erhielt zur Unterscheidung noch den Zweitnamen Ferdinand. Der zweitälteste Sohn – im Juli 1957 geboren – erhielt den Namen Gerhard, der jüngste im Oktober 1960 geborene Sohn heißt Bertholt. Alle drei setzen das Werk ihres Vaters und Onkels in der Kolpingsfamilie fort.
Krise bei „Kolping“ Ende der 60er Jahre
Unter dem Slogan „Unter den Talaren – Muff aus 1000 Jahren“ rebellierten in der 60er Jahren die Studenten gegen verkrustete Traditionslinien, elitäre Strukturen, fehlende Mitbestimmung und mangelnde Aufarbeitung des deutschen Faschismus an den Universitäten und in der Gesellschaft. Auch die christlichen Kirchen und ihre Traditionen standen in der Kritik und hatten weniger Zulauf. So gab es in der Kolpingsfamilie deutschlandweit Diskussionen über die Öffnung der Organisation für die Mitgliedschaft von Frauen und die Modernisierung des Vereinslebens. In Arheilgen stand die Kolpingsfamilie im April 1967 sogar kurz vor ihrer Auflösung. Nur die Erkrankung des damaligen Präses, Pfarrer Ludwig Berg, die eine Verschiebung der Generalversammlung in den September erzwang, rettete den Bestand der Kolpingsfamilie Arheilgen. Anstelle eines Auflösungsbeschlusses wurden Schritt für Schritt eine Öffnung der inneren Strukturen und eine Hinwendung zu gesellschaftlich diskutierten Fragen eingeleitet. Im Januar 1969 wurde beschlossen, dass auch Frauen in die Kolpingsfamilie aufgenommen werden können. Seit Ende 1968 hatten sich vor allem Franz Wurzel, Richard Reichel und Karl Schön für eine Öffnung eingesetzt. Das erste weibliche Mitglied und die ersten Jugendlichen unter 18 Jahren wurden in Arheilgen im Dezember 1969 aufgenommen. Heute strukturiert sich die Kolpingsfamilie in „Jung-Kolping“, das sind Mitglieder ab dem 14. bis zum 18. Lebensjahr, in die Gruppe „Junge Erwachsene“ und in die Gruppe „Alt-Kolping“ ab 27 Jahre. Die Kolpingsfamilie zählt auch evangelische Christen, konfessionslose und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften zu ihren Mitgliedern. Aus dem Jungmännerverein ist eine generationen- und geschlechterübergreifende Familie geworden.
Generationenwechsel von Franz auf Franz Ferdinand
Nachdem der Vorsitz in der Kolpingsfamilie seit Mitte der 60er fast jährlich (siehe Infokasten) wechselte, übernahm Franz Wurzel 1971 noch einmal das Amt. Ende der 70er Jahre wollten dann jüngere Kolpingsöhne für frischen Wind sorgen. 1980 wurde sein Neffe, Franz F. Wurzel, zum Vorsitzenden gewählt und trug diese Verantwortung unterstützt von seinen Brüdern Gerhard und Bertholt sowie weiteren Aktiven bis ins Jahr 2025.
„Ich erhielt über die vielen Jahre immer die Zustimmung und Unterstützung der Mitglieder. Das gab mir immer wieder neue Energie“, erzählt Franz Ferdinand bei einem Treffen im Pfarrhaus. Er ist tief in dem Stadtteilleben Arheilgens „verwurzelt“. Hier besuchte er ab 1961 die Carl-Ulrich-Schule, wie die Astrid-Lindgren-Schule früher hieß. Danach ging es in die „Stadt“ auf die Adelung-Schule, die er mit der Mittleren Reife beendete. 1972 begann er bei der Stadt Darmstadt seine Ausbildung zum städtischen Beamten und im Mai 1978 schloss er sein Studium als Diplom-Verwaltungswirt ab. Schon mit 14 Jahren trat er am Nikolaustag 1969 in die Kolpingsfamilie ein, engagierte sich im Leitungsteam der Kolpingjugend und besuchte Lehrgänge zum Jugendleiter. Seine Frau Angelika, eine geborene Waas, lernte er über die katholische Jugendarbeit kennen. Seine Frau wohnte in Wixhausen. Zusammen haben sie vier Kinder.
Gesellschaftliches Engagement der Kolpingfamilie
Ohne das Engagement in der Katholischen Heilig-Geist-Gemeinde zu vernachlässigen, öffnete sich die Kolpingsfamilie unter der Verantwortung von Franz Wurzel und seinen Leitungsteams noch weiter dem gesellschaftlichen Leben im Stadtteil und der Welt.
Seit Ende der 60er Jahre hatte die Kolpingsfamilie erste ökumenische Kontakte mit der evangelischen Kreuzkirchengemeinde geknüpft. Nun besuchten Arheilger Kolpingmitglieder auch Gotteshäuser nicht-christlicher Religionsgemeinschaften und informierten sich über den Islam und die jüdische Gemeinde in Darmstadt. Mit Vorträgen und Besichtigungen zu gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder historischen Fragen wurde die Bildungsarbeit intensiviert.
Die Kolpingsfamilie arbeitete im Vorstand der Interessengemeinschaft Arheilger Vereine mit und engagierte sich wieder bei der Gestaltung und Durchführung der Oarhelljer Kerb. Von 1988 bis 1995 stellte sie mit Sepp Vilsmaier den Kerwevadder und die Kerweburschen. Bei den politischen Frühschoppen traten u.a. der CDU-Bundestagsabgeordnete und Staatssekretär für Post und Telekommunikation, Gerhard O. Pfeffermann. der SPD Bürgermeister Horst Seffrin oder der SPD-Bundestagsabgeordnete und Oberbürgermeister Günter Metzger auf.
Verbundenheit mit der Kolpingsfamilie Cincinnati
Die Kolpingsfamilie war weiterhin auf Fahrt mit Jugendfreizeiten und Zeltlagerwochenenden, Jahresausflügen nach Gmünden, Köln oder in die weite Welt. Über die Teilnahme an Kolping-Fußballmeisterschaften besteht seit 1980 eine freundschaftliche Verbundenheit mit der Kolpingsfamilie in Cincinnati im US- Bundesstaat Ohio, deren Vorfahren alles Auswanderer aus Deutschland waren und zumindest vor 40 Jahren noch immer deutsch auf ihrem Vereinsgelände sprachen.
Franz Ferdinand Wurzel wurde für sein gesellschaftliches Engagement am 1.April 1998 mit der Ehrenurkunde für verdiente Bürger der Stadt Darmstadt und am 10.April mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen geehrt.
Infokasten: Adolf Kolping und das Kolpingwerk
Adolph Kolping (1813-1865) war ein katholischer Priester, der in bescheidenen Verhältnissen im Rheinland aufgewachsen war und zuerst das Schuhmacherhandwerk erlernt hatte. Auf der damals für Handwerksgesellen üblichen Wanderschaft von Werkstätte zu Werkstätte lernte er die menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Gesellen kennen. Durch finanzielle Unterstützung einer Gutsbesitzerfamilie konnte er Theologie studieren und lernte als geweihter Priester in Wuppertal einen katholischen Gesellenverein kennen, der seinen Mitgliedern soziale Hilfen, Bildung, Geselligkeit und religiösen Halt gab. Als Domvikar in Köln gründete er mit Handwerksgesellen den Kölner Gesellenverein. Vom Rheinland ausgehend entstanden dann in vielen anderen Städten katholische Gesellenvereine und Gesellenhäuser, die als Herbergen, Krankenstation und zur Bildungsarbeit genutzt wurden. Als Kolping 1865 starb, gab es bereits einen Zusammenschluss von 418 Gesellenvereinen mit 24.000 Mitgliedern. Dies war die Keimzelle des heutigen internationalen Kolpingwerkes. Das Kolpingwerk ist Teil der katholischen Sozialbewegung. Ein Studienfreund Kolpings, der spätere Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Kettler soll nach Wikipedia die Gesellenvereine als „einen katholischen Beitrag zur Lösung der Arbeiterfrage“ bezeichnet haben. Adolph Kolping wurde von Papst Johannes Paul II 1991 seliggesprochen.
Infokasten: Vorsitzende der Arheilger Kolpingfamilie:
Die Kolpingsfamilie in Arheilgen besteht seit 1951. In den 75 Jahren ihres Bestehens stand 66 Jahre lang „ein Wurzel“ an ihrer Spitze:
1951 Franz Wurzel
1957 Paul Wurzel
1964 Ludwig Bernerth
1965 Petzer Stanko
1966 Jakob Wolf
1969 Richard Reichel
1971 Franz Wurzel
1979 Winfried Straube
1980 Franz. F. Wurzel
2025 Sebastian Titz

1976 feierte die Kolpingsfamilie ihr 25jähriges Gründungsjubiläum. Der Vorsitzende Franz Wurzel (ganz links) im Gespräch mit Diözesanpräses Norbert Bachus, dem Diözesanvorsitzenden Walter Herbert und einen Kolpingbruder (v.l.n.r.) aus Berlin (Foto: Kolping). 
Jubiläumsjahr 2011: Die zweite Generation der Brüder Wurzel im Kolping-Vorstand aktiv. V.l.n.r.: Gerhard Wurzel, Birgit Wurzel, Franz F. Wurzel, Bertold Die Brüder Franz, Gerhard und Berthold Wurzel, Ulrike Binzer, Pfarrer Johannes Stauder, Andreas Binzer.

Die Kolpingsfamilie beteiligt sich rege am Stadtteilleben in „Oarhellje“: Hier die Kolpingsmitglieder, die 1986 am historischen Umzug anlässlich des 1150 Ortsjubiläums teilgenommen haben. - „Oarhelljer Köpp“ Die Familie Wurzel und die Kolpingsfamilie Arheilgen – Teil 1von Jürgen Hein-Benz
(jhb) Der Arheilger Geschichtsverein stellt in dieser Rubrik Menschen vor, die das Leben im Ort am Ruthsenbach prägten, den Alltag in besonderer Weise repräsentierten oder Leistungen erbrachten, die sie über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. Anlässlich des 75jährigen Gründungsjubiläum der Arheilger Kolpingsfamilie stellen wir in dieser Folge die Familie Wurzel vor, die maßgeblich die Geschichte der Kolpingsfamilie geprägt hat. Sie erscheint in zwei Teilen. Heute: Teil1/2.(jhb) Der Arheilger Geschichtsverein stellt in dieser Rubrik Menschen vor, die das Leben im Ort am Ruthsenbach prägten, den Alltag in besonderer Weise repräsentierten oder Leistungen erbrachten, die sie über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. Anlässlich des 75jährigen Gründungsjubiläum der Arheilger Kolpingsfamilie stellen wir in dieser Folge die Familie Wurzel vor, die maßgeblich die Geschichte der Kolpingsfamilie geprägt hat. Sie erscheint in zwei Teilen. Heute: Teil1/2.
Die Herkunft der Familie Wurzel und die Anfänge der Kolpingsfamilie
(jhb) Es war ein Sonntag, der 14. April 1951, als sich die Brüder Franz und Paul Wurzel mit 13 katholischen jungen Männern zu einer Besprechung trafen: Sie wollten die Gründung einer Kolpingsfamilie in Arheilgen endgültig auf den Weg bringen. In der Versammlung unterstützten 11 Gleichgesinnte und ihr Pfarrer Nikolaus Kopp das Anliegen. Pfarrer Kopp wirkte bereits seit Mai 1924 in der neu gegründeten katholischen Heilig-Geist-Gemeinde.
Ob sich die Gruppe junger Männer nach der Sonntags-Messe im katholischen Pfarrhaus traf, das 1925 an der Zöllerstraße gebaut und 1926 mit einer angeschlossen Kapelle geweiht worden war? Daran kann sich Franz F. Wurzel, der älteste Sohn von Paul Wurzel, heute nicht mehr erinnern. Dafür berichtet er, was alles für die Gründung einer Kolpingsfamilie und den dazugehörenden Festakt zu organisieren war: Das Gründungsfest musste geplant werden. Wie in der Kolpingsfamilie üblich wurde noch eine Patengemeinde gesucht, die für den neuen Spross der Kolpings auch das Banner stiften sollte. Schließlich sollten noch Kolpingsöhne geworben werden – damals war Kolping nämlich noch eine reine Männersache.
Der Festakt zur Gründung wurde auf Sonntag, den 16. September 1951, gelegt. Nach dem Festgottesdienst führte ein großer Bannerzug von der Zöllerstraße bis zum Gasthaus „Zum Goldnen Löwen“. Am Beginn des Zuges trug Paul Wurzel stolz das neue Arheilger Kolpingbanner. Es war ein Geschenk der Patengemeinde Dieburg und ist noch heute im Besitz der Arheilger Kolpingsfamilie. Die Festansprache im „Löwen“ hielt der H.H. Geistliche Rat Weissbäcker (H.H.= Ehrentitel „Hochwürdiger Herr“) vor insgesamt 250 Kolpingsöhnen, die aus 14 Kolpingsfamilien angereist waren. Der Gesangsverein Sängerlust umrahmte mit seinen Liedern die Feierstunde, wie in einer Jubiläumsschrift der Heilig-Geist Gemeinde und der Jubiläumszeitung zum 50. Geburtstag der Kolpingfamilie nachgelesen werden kann.
Bis zum Festakt war der kleine Kreis der Initiatoren auf vierzig Gründungsmitglieder angewachsen. Zum Vorsitzenden das Arheilger Kolpingsfamilie wurde Franz Wurzel gewählt, der erste geistliche Leiter – Präses – wurde der Gemeindepfarrer Nikolaus Kopp.
Familiäre Wurzeln in Wald-Michelbach
Die katholische Familie Wurzel stammt ursprünglich aus Wald-Michelbach, das zurzeit der Reformation kurpfälzisch war und damit katholisch blieb. Die Wurzels zogen nach dem ersten Weltkrieg am Anfang der 20er Jahre nach Arheilgen. Im „Mühlgrund“ an der „Balserpump“ fanden Sie Ihre erste Unterkunft.
Franz Wurzel wurde am 5. Februar 1925 im Bahnwärterhaus am „Leißer“ geboren und wuchs dort auf. Im Arheilger Sprachgebrauch wurde das Häuschen nach dem ersten Bahnwärter Heinrich Leißer benannt und lag am Bahnübergang in Verlängerung der Ettester Straße im Feld westlich der Bahnlinie. Der Vater war zunächst Bahnwärter und später Stellwerksmeister an der Rhein-Neckar-Bahn am Arheilger Bahnhof.
Am 13.März 1928 kam Paul Wurzel, der zweite Sohn, auf die Welt. Am „Leißer“ wurde es nun zu eng und die Familie zog ins eigene Heim in die Jahn-Straße 16, die nach der Eingemeindung Arheilgens in Albrechtstraße umbenannt wurde. Am 30.Juli 1931 gesellte sich die Schwester Maria dazu und vervollständigte die Familie.
Die meisten Jahre ihrer Kindheit und Jugend verbrachten Franz und Paul Wurzel in Arheilgen unter dem „Hakenkreuz“. Da Paul als Messdiener wirkte, gab es wiederholt Reibereien mit der örtlichen Hitler-Jugend. Die katholische Jugend nutzte das Pfarrhaus und die dazu gehörige Kapelle in der Zöllerstrasse als einen wichtigen Treffpunkt. Es wurde während der Zeit des Nationalsozialismus mehrmals von der Gestapo durchsucht und Pfarrer Kopp wegen seiner Arbeit mit dem katholischen Jungmännerverband unter Druck gesetzt und verhört.
Während des 2. Weltkrieges wurden die Brüder beide früh in die Wehrmacht eingezogen. Franz kam im Alter von 18 Jahren an die Front in Frankreich und Paul musste mit gerade mal 16 Jahren noch in den letzten Kriegstagen in Deutschland Kriegsdienst leisten. Beide kamen in französische Kriegsgefangenschaft. Nach einem missglückten ersten Fluchtversuch aus der Gefangenschaft gelang Franz 1947 erneut die Flucht aus der Zitadelle des ostfranzösischem Kriegsgefangenlagers in Besancon. Die abenteuerliche Flucht brachte ihn über die Schweiz endgültig zurück nach Arheilgen, wo er sich zuerst auf dem Speicher versteckt halten musste, um nicht wie beim ersten Fluchtversuch in die Gefahr zu geraten, entdeckt und in das Gefangenenlager zurücktransportiert zu werden. Paul kehrte erst 1949 als Spätheimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft in Südfrankreich nach Arheilgen zurück.
Gemeinschaft, Gläubigkeit und Gottvertrauen
Franz Wurzel trat schon im April 1948 der Kolpingsfamilie Darmstadt bei, nach seiner Rückkehr folgte ihm sein Bruder Paul. Dort fanden die jungen Männer, was sie nach den Kriegserfahrungen suchten: Gläubigkeit und Gottvertrauen, familiäre Gemeinschaft und Lebensfreude, sozial- und gesellschaftspolitisches Engagement für christliche Werte.
Die Kolpingsfamilien stehen in der Tradition katholischer Gesellenvereine für ledige, wandernde Handwerker, die Mitte des 19. Jahrhunderts durch Adolf Kolping begründet wurde (siehe Infokasten in Teil 2). In den Nachkriegsjahren standen die gemeinsame Freizeitgestaltung junger Männer, eine wertegeleitete Bildungsarbeit und das Engagement in den Gemeinden im Mittelpunkt der Arbeit. Obwohl sich die Gesellenvereine schon seit 1935 in Kolpingsfamilien umbenannt hatten, weil sie so einer Gleichschaltung unter den Nationalsozialisten entgehen wollten, war es noch ein etwas längerer Weg bis die ganze Familie, also Frauen, Kinder und ältere Menschen bei Kolping ein Zuhause fanden. In der Arheilger Kolpingsfamilie gestaltete die Familie Wurzel diesen Weg.
Kolping-Programm der ersten Jahre
Das Programm der ersten Jahre setzte sich aus geselligen Zusammenkünften, Bildungsarbeit und Jahresausflügen zusammen. Der erste Ausflug führte die Arheilger in den Odenwald. Mit dem Bus – damals hatte kaum ein Kolpingsohn ein Auto – fuhren sie im Juni 1952 nach Erbach und wurden am Abend von der Kolpingsfamilie in Heppenheim empfangen. Andere Ausflugsziele waren die Kolpingsfamilien in Dieburg oder Neu-Isenburg oder das Geburtshaus von Adolph Kolping im rheinischen Kerpen. Mit der Zeit nahmen auch die Frauen und Kinder der Kolpingsöhne an den Ausflügen teil, so dass die Fahrten zu echten Familienausflügen wurden.
Die Kolpingfamilie in der Arheilger Fastnacht
Bereits Ende 1951 gründete sich eine Schauspielgruppe und eine Kolpingkapelle, die schon im Februar 1952 einen ersten großen Auftritt bei der ersten Fastnachtsitzung der Arheilger Kolpingsfamilie im „Goldnen Löwen“ hatte. Unter der Leitung des Sitzungspräsidenten Hannes Werkmann und des Elferrates gestalteten Kolpingsöhne das Programm. Als Büttenredner traten u.a. Paul Wurzel, Gerhard Hartmann und Karl Schmitt auf, der unter dem Namen „Schmitts Karrer“ als Alleinunterhalter und Entertainer auch in Darmstadt und Umgebung bekannt war.
Karl Schmitt trug eine schwere Verantwortung aus der Nazi-Zeit mit sich: Er gehörte zum Wachpersonal des Konzentrationslagers Dachau, dem Lager, in dem auch einige Arheilger Antifaschisten gequält worden waren. Als Buße baute der gelernte Stahlbieger Karl Schmitt eine Marien- Grotte im Garten der Heilig-Geist-Pfarrei. Karl Schmitt war auch im Gesangsverein Sängerlust aktiv. Von 1977 bis 1982 war er der Arheilger Kerwevadder. Politisch engagierte er sich in der örtlichen CDU. Für sein gesellschaftliches Engagement erhielt er den Landesehrenbrief.
Bis Mitte der 50er Jahre lud die Kolpingsfamilie jährlich in der Fastnachtszeit zu der Fremdensitzung, also zu einer Veranstaltung für den ganzen Stadtteil, in den „Goldnen Löwen“ ein. Nachdem der Löwensaal als Möbellager benutzt wurde und nicht mehr zur Verfügung stand, veranstaltete „Kolping“ alljährlich im Pfarrhaus einen „Kostümball mit Einlagen“ und ab 1978 bis 2015 hieß es wieder „Helau“ auf den Fremdensitzungen – nun im Saal des Weißen Schwans oder im Sportzentrum der Sportgemeinschaft Arheilgen. Damit hat die Kolpingfamilie entscheidend die Fastnachtstradition in Arheilgen geprägt.
Infokasten:
Die katholische Kirchengemeinde in Arheilgen
Seit der Einführung der Reformation durch die hessischen Landgrafen war Arheilgen konfessionell jahrhundertelang eine evangelische Gemeinde. Jüdisches Leben ist seit dem frühen 17.Jahrhundert belegt gewesen und wurde durch die Nationalsozialisten ausgelöscht. Die konfessionelle Zusammensetzung zwischen den christlichen Konfessionen veränderte sich mit der beginnenden Industrialisierung und dem Bau der Eisenbahnen. Sie lösten in den deutschen Ländern eine Binnenwanderung aus. In Arheilgen siedelte sich fast zeitgleich mit der Entstehung der Rhein-Neckar-Bahn um 1850 eine kleine Gruppe katholischer Christen an. Die Arheilger Katholiken wurden zunächst von katholischen Pfarreien in Darmstadt betreut. Der erste Gottesdienst in Arheilgen wurde 1912 im Schulsaal der Avemarie-Schule in der Hofgasse (heute: Standort des AWO-Kindergartens) gefeiert. Pfarrer Nikolaus Kopp wurde am 1.Mai 1924 als erster katholischer Pfarrer für den neugegründeten „Seelsorgebezirk Arheilgen“ ernannt. Dieser Bezirk umfasste auch Wixhausen, Erzhausen und Gräfenhausen. Seit Einweihung des Pfarrhauses mit angeschlossener Kapelle in der Zöllerstraße im Juli 1926 trägt die Gemeinde den Namen „Heilig-Geist“. Der Bau der heutigen Heilig-Geist Kirche begann erst nach der Gründung der Arheilger Kolpingsfamilie 1953 und wurde von ihr stark unterstützt. Die Kirche wurde am 3. Oktober 1954 geweiht.
1946 zählte die Heilig-Geist Gemeinde gut 2000 Katholiken, die in Arheilgen und Wixhausen lebten. Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft wuchs die Gemeinde durch Flucht und Vertreibung vor allem aus Schlesien und dem Sudentenland weiter an.

Der große Bannerzug: Am 16. September 1951 zogen die 40 Gründungsmitglieder der Arheilger Kolpingsfamilie mit ihren Gästen und dem Banner schwenkenden Paul Wurzel an der Spitze von dem Pfarrhaus der Heilig-Geist-Gemeinde in den Festsaal im „Goldnen Löwen“ (Foto: AGV) 
In den letzten Kriegstagen des 2.Weltkrieges wurden noch die jungen Männer des Jahrgangs 1928 von der Wehrmacht eingezogen und in den Krieg geschickt. Unter ihnen war der gerade 16jährige Paul Wurzel (Foto: Fam. Wurzel). 
Elferrat der Arheilger Kolpingsfamilie im Februar 1952. Sitzungspräsident Hans Werkmann leitete die erste Fremdensitzung im „Löwensaal“. Die Veranstaltungen der Kolpingsfamilie begründeten die Fastnachtstradition Arheilgens nach dem 2. Weltkrieg (Foto:AGV). 
Franz Wurzel trat im April 1948 in die Kolpingsfamilie in Darmstadt ein, war maßgeblich an deren Gründung in Arheilgen beteiligt und wurde ihr erster Vorsitzender (Foto: Fam. Wurzel).
